Too shy | Every summer has a story

Er war schön, unbegreiflich schön, wie ein Popstar aus einem BRAVO-Starschnitt entsprungen, den ich nie aufkleben konnte, weil meine Mutter mir ja die Zeitschrift verboten hatte, die ist gefährlich, nur für die dummen Leute. Aber er saß hinter mir, die Hände an meinen Schultern und strich behutsam die Nivea-Sonnencreme, Lichtschutzfaktor 6, auf meine Gänsehaut. Ich war Königin, einmal die erste, im royalblauen Bikini mit winzigen weißen Punkten.

blauerpoolDie heißen Sommernachmittage 1983 verbrachten wir, wie viele Sommer davor, im Ellenzer Freibad. Kaum aus der Schule zurück, beknieten wir unsere Väter und Mütter, ihre Arbeit zu unterbrechen um uns ins Schwimmbad zu fahren. Oder abends abzuholen. Wir, das waren sieben bis acht Mädchen aus dem Unterdorf, und wenn wir uns stapelten, passten wir alle zusammen in eins der Winzerautos. Fand sich kein Elternteil bereit, mussten wir in die Pedale treten, elf Kilometer durch die pralle Sonne, immer an der aufgeheizten Schieferbergen und den Holländerautos auf der Straße entlang. Elf Kilometer hin und elf Kilometer zurück. Wir waren alle sehr braun in diesem Sommer, schon im Juni sahen wir aus, als hätten wir einen Monat am Adriastrand gelegen, dabei fuhr bei uns keine in Urlaub, nur manchmal ich und meine Schwester auf eine Bildungsreise.

Im Freibad lagen wir da, 300 oder 400 Teenager aus den Dörfern, manche noch nicht mal Teens, und wir atmeten den Duft des Sommers, von Nivea-Sonnencreme, schwitziger Haut, Chlorgeruch aus unseren Haaren und den Pommes rot-weiß aus dem Kiosk. Ich traf meine Schulfreundin Inge, die gleich am Schwimmbad wohnte, wir duckten uns ins Gras, wenn ihre Schwester Dani, 17, mit ihrem aktuellen Lover knutschte, wenn die Mädchen aus dem Oberdorf tauchen übten mit zugekniffener Nase, oder wenn die Bademeisterin John schrie, wer zum Teufel denn wieder vom verbotenen Beckenrand gesprungen war.

Alles war wie im Jahr zuvor, unschuldig, sommerleicht. Bis unsere Gruppe zufällig ihre Handtücher neben ein paar älteren Jungs ausbreitete. An jenem Tag war meine Nachbarin Margit dabei, fast 14 schon, mit erster Flirterfahrung. Sie lehrte uns ihr gleich zu tun, die richtigen Sprüche und Gesten zu machen, die ich inzwischen vergessen habe. Wenn wir Mädchen demonstrativ zum Schwimmbecken aufbrachen, kamen die Jungs garantiert drei Minuten später nach, posierten auf dem 3-Meter-Brett oder ulkten im Wasser neben uns. Viele Blickkontakte später bot der Anführer der Jungs Margit eine Chipstüte an und fragte nebenbei, woher wir denn kämen. Sie selbst kamen von der anderen Flussseite, natürlich auch mit dem Rad, aber nur die Hälfte der Kilometer.

Fortan lagen wir jeden Nachmittag nebeneinander auf der Liegewiese, am dritten oder vierten Nachmittag fing Margit an, mit dem Anführer der Jungs zu gehen, was immer das hieß. Und ich wurde das Objekt der Begierde des schönen R. Eine Erklärung habe ich bis heute nicht dafür, aber es gefiel mir, ich zweifelte nicht, setzte mich zu ihm ins Gras und neckte ihn wegen seiner Schuhgröße 47. Denn er war ja wunderschön und cool, groß, schlank, mit braunen Augen und braunem Haar, ohne jeden Pickel, gelegentlich zog er an einer Zigarette der Älteren, er sprach zärtlich, nicht dumm. Mein Herz flatterte.sonnencremeherzDer Spuk dauerte keine drei Wochen und funktionierte nur im Schwimmbad. Zweimal kam R. mich mit dem Rad besuchen. Als ich ihn beim ersten Mal vor dem Haus entdeckte, schloss ich mich im Klo ein und schlotterte. Meine Schwester und eine schnell herbeigerufene Freundin bewogen ihn wieder zu fahren. Beim zweiten Mal konnte ich nicht kneifen. Wir spazierten einen Waldweg entlang und er sagte: „Die anderen haben mir geraten, lieber mit Margits Cousine zu gehen. Du trägst zu viel Rosa.“ Ich blickte herunter auf meinen rosa-grün gestreiften Rock.

In den Sommerferien fuhr ich mit meinem Vater und meiner Schwester nach Brighton. Ich sah Menschen mit bunten toupierten Haaren, die tatsächlich wie Kajagoogoo vom BRAVO-Starschnitt aussahen. Bei Boots kaufte ich eine Flasche Soltan-Sonnenmilch mit Lichtschutzfaktor 8. Die roch anders als Nivea.

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade Every summer has a story – Packt die Sonnencreme aus! von Grünraumschreiben. War eine Freude!

4 Gedanken zu „Too shy | Every summer has a story

  1. Liebe Amy
    Wie genoß ich die seltene Freude, einen Blogeintrag von Dir zu lesen! Kajagooogoo!
    Ich rieche die Sonnencrème (an Schutzfaktor 50 dachte damals ja niemand), ich höre irgendwie Nena, irgendwie, irgendwann, irgendwo. Vor allem höre ich euch Mädchen kichern und wer nicht ins Wasser geschubst wird, ist nicht angesagt.
    Wie das damals war, lässt Du die Romantik knallhart enden.
    Das ist alles sehr packend und in einem Guss geschrieben.
    Liebe Grüße, Du königsblaue Nummer 1.
    Urs

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    • Lieber Urs,
      ich hab eher Jungs ins Wasser geschubst als mich schubsen lassen. Damals hatte ich noch Power! Und Romantik? Na ja, die wurde uns damals eher von Dr. Sommer eingeredet. Der echte Herzschmerz kam später.
      LG, Amy, die Kichererbse

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  2. Liebe Amy,
    ich kann mich Urs nur anschließen, dass ich mich einfach sehr über einen neuen Blogbeitrag von dir gefreut habe. Ich konnte das genial Blau des Schwimmbads sehen und das Clor auf der haut spüren, die Sonnencreme, das Kichern und das Schwitzen und die elf Kilometer und den ganzen langen Sommer …
    Danke, ich war mit dir dabei und hätte die Jungs oder den einen Jungen gerne mit dir ins Wasser geschubst, am besten mit Anlauf … 🙂

    Ganz liebe Grüße,
    Mia

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