Reinas großer Tag

Frau in braunem Kleid und Haube rührt in einem Topf

Doña Angela, Reinas große Schwester, kocht Cashewäpfel über dem Holzfeuer.

Heute wird sich alles ändern, heute wird der große Tag im Leben der Reina Isabel Lopez Pineda. Sie ist extra eine Stunde früher aufgestanden, hat bei Kerzenlicht erst ihr Sonntagskleid gebügelt, dann die besseren Kleider der Kinder. In der Dämmerung lief sie zwei Mal mit den Eimern zum Brunnen, ließ das Wasser auf dem Holzfeuer heiß werden, während sie die Tortillas buk. Sie hat ihre sechs Kinder geweckt und eines nach dem anderen in der gelben Plastikschüssel geschrubbt, mit der sie sonst die Cashewäpfel sammeln geht. Norma, die älteste Tochter, hat gestern Abend noch im Fluss gebadet, sie hilft jetzt der Mutter, ihre Geschwister anzuziehen und an den Tisch zu setzen. Angel, der Jüngste, weint, weil er nicht ohne seine Mutter frühstücken will. Trotzig rutscht er von der Bank und legt sich mit seinem frisch gewaschenen Body auf den staubigen Boden, boxt mit Händen und Füßen, als Norma ihn aufheben will. Erst Reina selbst kann ihn beruhigen, hebt Angel hoch in ihre Arme und summt leise ein Lied.

Alle sind nervös, denn in einer halben Stunde kommt der Minister, mit dem Fernsehen im Gepäck. Er wird Reina eine Urkunde bringen, stellvertretend für alle Frauen im Dorf. Sie, die Frauen von Azacualpa, kämpfen gegen den Hunger, für den Unterhalt ihrer Familien, gegen die Armut und die Verödung der Region. Das ist der Regierung eine Anerkennung wert. Fast einstimmig haben die Frauen der Kooperative entschieden, dass Reina die Urkunde entgegennehmen soll. Reina ist beliebt bei den Frauen, sie redet nicht viel, packt immer mit an. Außerdem liegt ihre Hütte im besseren Teil des Dorfes, hat erst vor drei Wochen eine neue Latrine bekommen, das wird dem Minister gefallen.

Mit Antonia, Präsidentin der Kooperative, hat Reina nach der Arbeit geübt, was sie sagen soll. Sie wird sich bei der Regierung bedanken und versprechen, weiter hart für ihre Kinder und die Gemeinschaft zu arbeiten. Sie wird die Kooperative loben, ihre gemeinsame Krankenversicherung, die kleine Kuhherde, die die Kinder des Dorfes mit einer Schale Milch am Tag versorgt. Wenn sie nach ihren Wünschen gefragt wird, dann wird sie bescheiden um zwei oder drei mehr Brunnen für Azacualpa bitten. Vielleicht auch Strom, damit die Frauen im Dunkeln leichter ihre Hausarbeit erledigen können.

Reina erschrickt, sie sitzt hier immer noch in ihrem blauen Kittel. Sie drückt Angel auf Normas Schoß und geht zur Waschschüssel. Mit der groben Bürste bearbeitet sie ihre Hände, die schwarzbraunen Ölflecke aus den Nussschalen haben sich in ihre Haut gebrannt. Kaum ist Reina in ihr gutes Kleid geschlüpft, da steht Mercedes, Antonias Tochter, in der Tür und sagt, in fünf Minuten kommt der Minister. Reina scheucht die Kinder vor die Hütte ans Blumenbeet, nur Norma räumt schnell die Teller und Spielsachen hinter den Vorhang.

Drei gepanzerte Geländewagen fahren vor, dahinter ein einfacher Pickup. Aus ihm klettern zwei Männer mit Schirmkappen, ein Mann im Anzug, dann Antonia, sie winkt Reina zu, während die Männer eine große Kamera auspacken. Zwei Männer in dunklen Anzügen springen aus dem ersten Wagen und gehen zum nächsten Auto. Sie öffnen die linke Hintertür, Reina sieht als erstes zwei blitzende Goldzähne. Der Minister ist dick und klein, kaum größer als Reina selbst, dahinter eine dralle, stark geschminkte Frau im pinken Kleid. Sie laufen auf Reina zu, die pinke Frau streichelt Angels Kopf, dann packen die Wurstfinger des Ministers Reinas Hand, die dicken Goldringe quetschen ihre zarten Finger. Die Kamera läuft schon.

„Doña Reina Isabel, ich bin ja so glücklich, sie kennenzulernen! Frauen wie Sie machen mich stolz und lassen mich an die Entwicklung dieses Landes glauben“, sagt der Minister. „Wie stellen wir uns am besten hin? Wo ist die Kamera?“ Aus seiner Anzugjacke kramt er Bonbons und verteilt sie an die Kinder. „Prächtige Kinder haben Sie … wie alt ist der Kleine? … Die größeren gehen doch bestimmt schon zur Schule?“ Reina setzt zur Antwort an, da wird sie vor den blühenden Flammenbaum geschoben, jemand hat dem Minister die gerahmte Urkunde gereicht, wieder drückt er Reinas Hand und lächelt in die Kamera. „Im Namen der ganzen Regierung gratuliere ich der Frauenkooperative von Azacualpa. Hier konnten die Frauen erfolgreich am Wirtschaftsleben beteiligt werden. Weiter so!“ Dem Minister rinnt der Schweiß, die pinke Frau tritt hinter ihn und zupft an seinem Jackett. „Ja, wir sollten weiter, wenn wir auch noch in der Kooperative anhalten wollen. Doña Reina, es war großartig, Sie kennengelernt zu haben. Alles Gute für Sie und Ihre Familie.“ Der Minister verschwindet hinter den getönten Scheiben seines klimatisierten Wagens. Der Tross fährt ab.

Reina schickt ihre vier ältesten Kinder in die Schule, sie selbst geht ins Haus, tauscht das gute Kleid gegen die braune Uniform, packt dann links und rechts ein Kind an der Hand und läuft die staubige Straße zur Kooperative entlang, auf der sich die Reifenspuren der Geländewagen nur noch erahnen lassen. Reina wird heute noch acht Stunden lang mit einem Hammer Nüsse knacken, sie wird mit den anderen Frauen über den Minister und seine Begleiterin schwatzen, zwischendurch werden sie die Kinder an den Fluss schicken, damit sie in einer verbeulten Plastikflasche Wasser holen, in der Pause werden sie die braune Brühe trinken, denn der Durst ist groß bei der sengenden Hitze.

Am Abend wird Reina die Kinder alleine lassen, die drei Kilometer zum reichen Fernando laufen, der einen Fernseher und einen Benzin-Stromerzeuger hat, da wird sie die Nachrichten mitschauen dürfen. Sie wird den Minister sehen, wie er in seinem Büro sitzt, und über seine Pläne für die Wirtschaftsentwicklung des Landes spricht und von Projekten erzählt, die er heute besucht hat. Die Aufnahmen vor Reinas Haus werden nicht gezeigt werden. Müde wird sich Reina auf den Heimweg machen, in Gedanken schon beim nächsten Morgen, an dem sie wieder früher als sonst aufstehen muss, denn ihr Brennholz hat sie heute komplett verbraucht, da muss sie extra viel sammeln gehen.

Als feststand, dass mein Abschlussjahrgang BKS11 am 29. Februar 2020 zur Lesung in die Berliner Lettrétage lädt, fiel mir gleich Reinas Geschichte ein. Es ist der Text, den ich lesen würde, wenn ich denn dabei wäre, entstanden vor etwa drei Jahren im Studium unter der Überschrift „Ganz oben, ganz unten.“ Denn die BKS11-Lesung macht den Schalttag und andere besondere Tage zum Thema.

Wie passend, dass der Equal Care Day auf den Schalttag fällt. Jener Aktionstag will darauf aufmerksam machen, dass weltweit der Löw(inn)enanteil reproduktiver und sozialer Arbeit von Frauen geleistet wird. In Jahren ohne Schalttag bleibt der Equal Care Day so unsichtbar wie die Frauenarbeit selbst.

Den Text widme ich allen, die gerne mal übersehen werden.

6 Gedanken zu „Reinas großer Tag

  1. Hat dies auf Mia.Nachtschreiberin. rebloggt und kommentierte:
    Liebe Anne,
    was für ein Text, der verdammt unter die Haut geht und zeigt, was wirklich wichtig ist, im Sinne von, wen benutzen die, die es können, für ihr Image, dass sie mit solchen Auftritten quasi ad absurdum führen, aber niemand ist da, der es ihnen sagt, weil sie außer für sich selbst nichts bewegen …
    Danke fürs Teilen,
    sehr nachdenkliche Grüße,
    Mia

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    • Liebe Mia, danke für dein Lob und dass mein Text dich bewegen konnte. Ja, der Schauplatz ist zwar weit weg, aber die Geschichte könnte auch bei uns spielen. Da wären wir mal wieder bei der Haltung.
      Komm gut durch die Woche, LG Amy

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  2. Liebe Amy
    Den Text hätte ich für Dich vorgelesen, hätte mich geehrt gefühlt, ein solch starkes Stück vortragen zu dürfen. Die Stärke liegt in der authentischen, dokumentarischen Erzählweise, es könnte Dokufiction sein, oder eine Reportage.
    Als ich in Asien reiste, wurde mir übrigens einmal mehr klar: Die Frauen arbeiten überall härter.
    Dass ihnen nur in Schaltjahren gedacht wird, zeigt wie patriarchal die Welt ist.
    Daran erinnert Dein Text eindrücklich.
    Herzlich, Urs

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    • Lieber Urs,
      vielen Dank für die Blumen:) Der Text ist einer meiner Lieblinge aus dem Studium und hat mich gelehrt, dass im autobiografischen Schreiben kein Ich oder Alter Ego auftauchen muss.
      Hoffentlich bis bald in neuen Geschichten, herzliche Grüße, Amy

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  3. Liebe Amy,
    was für ein Text, packend, ehrlich, desillusionierend, aufrührerisch, notwendig.
    Auch ich hätte ich sehr gerne bei unserer Lesung gehört. Jetzt steht er hier und soll seine Wirkung entfalten – nicht nur alle 4 Jahre!
    Liebstes,
    Christiane

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    • Liebe Christiane,
      danke für dein Lob. Eben las ich bei FB jede Menge Frauentags-Grüße von Politikern, männlich. Die lesen meinen Post leider nicht, und wenn, würden sie sagen, schlimm, schlimm, das sei bei uns ja anders. Wenn ich die Kraft habe, bin ich gerne Aufrührerin:) LG Amy

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