Über der Haut, unter der Haut

Kaleidoskopbild in Kobaltblau und Orange, erkennbar ein Mensch, Krallen und der Schriftzug

Blogparade „Darf ich Platz nehmen?“

1. Einmal die Erste sein, die du gerne zeigst, für die du die Arbeit liegen lässt, das Fußballspiel verpasst, deine Pläne änderst. Die du neben dir ausruhen lässt, wenn dir selbst nach Action ist, ihr ein Bad bereitest, danach ein Bett im Gerstenfeld. Der du bis zum Ende zuhörst, ohne gleich „ach komm“ zu rufen. Deren Zittern du verstehst, sie nicht hinters Steuer zwingst. Einmal nicht Bettlerin sein. Einmal war es so, da war ich Königin, nein, nur die zweite, la virreina.

2.
im strauhaus ohne treppe
staubt mein leben in kartons
elf kisten und die couch trug ich mutig ins haus
zu den kartoffeln lattenrosten truhen
wenn du funktionierst bist du willkommen
vor jedem fenster stimmen vor jeder tür
gar in meinem garten
sie kommen nicht zu mir
zieh dir was manierliches an
der rest schweigen
fremdkörper seid ihr
ich meine kisten mein herz
wir stauben im dunkeln schon ein jahr

3. Es war einmal ein Mädchen, das träumte von einem eigenen Zimmer. Seine Eltern waren Wirtsleute und boten den Reisenden Zimmer an. Für das Mädchen blieb keines übrig. Die Eltern stellten sein Bettchen mal hierhin, mal dorthin. Deshalb ging das Mädchen fort und zog durch die Welt. Sein Zimmer fand es freilich nie.

4. Kommen Sie aus ihrer Nische raus. Werden Sie Täterin.

Ein Gitter, dahinter erkennbar eine Festung am Meer

5. Eine Stufe noch, und noch eine, geht doch, du schaffst das, sind ja nur noch drei Minuten bis zur nächsten Bahn, beweg dich, lauf einfach an der Menschentraube vorbei, dahinten ist es leerer, sogar eine freie Bank, da kannst du deine Tasche abstellen, nein, setz dich lieber, schließ die Augen, atme ruhig ein und aus, siehste, nur noch zwei Minuten, jetzt lass dich doch nicht von den Halbstarken verrücktmachen, die sich zu dir gesetzt haben, geh langsam hin und her, nein, nimm doch besser deine Tasche und lauf Richtung Ausgang, ein Stück Himmel tut dir gut, verpass aber nicht die Bahn, in einer Minute, ruhig atmen, dann hört das Zittern auf, wie jetzt, auch noch Krämpfe im Bauch?, einfach wegspazieren, schau, da kommt die Bahn, geh ihr entgegen, so ist gut, ich bin stolz auf dich, steig ein, such dir einen Platz am Rand, ist aber auch wirklich voll heute, doch wieder raus. Rathaus Spandau zurückbleiben bitte.

6. Früher waren die Räume eng, da lief ich in den Wald oder zog mir die Decke über den Kopf. Kleine Fluchten, da konnte ich sein. Nahm ein Stück Papier, tauchte in Farben oder Wörter, erspähte das Mädchen im Baum. Manchmal traf ich einen, der wiegte mich. Heute drückt der Himmel mich nieder, der Schlaf sperrt mich aus, der Baum gefällt, die Worte ein rostiges Karussell. Meine Hand greift an die Kehle, dann ins Leere. Weiter, weiter, bloß nicht stillstehen, bloß nicht ankommen. Kein Jetzt. Kein Morgen. Kein Ort über der Haut, unter der Haut.

Dunichtgr5

Es ist, als stünd ich auf einer Scholle, im Eisgang, in absoluter Finsternis. Der Strom geht, ich weiß nicht, wohin, die Scholle neigt sich, einmal zu dieser, einmal zu jener Seite. Und ich, von Entsetzen durchdrungen, von Neugier, von Todesfurcht und vom Verlangen nach Ruhe, ich soll um mein Gleichgewicht kämpfen. Lebenslänglich. (Christa Wolf, Kein Ort. Nirgends)

Diese Platz-Angst-Splitter sind mein Beitrag zur Blogparade DARF ICH PLATZ NEHMEN?, gestartet von Mia, die sicher noch ganz anderes im Sinn hatte unter dieser Überschrift. Die Parade läuft bis zum 6. Juli 2018, lässt also noch ein bisschen Platz.

 

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12 Gedanken zu „Über der Haut, unter der Haut

    • Liebe Ulrike,
      deine Umarmung tut gut. Ja, machmal spüre ich diesen Platz, dann kann ich atmen. Doch manchmal finde ich ihn nicht mehr und ich weiß nicht wohin. Nimm dir deinen Platz, so lange du wählen kannst. LG Anne

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