Sous le soleil exactement

Holzhütte mit kleiner Aufschrift "Sous le soleil exactement"

Bitte um Kopfkino mit Zorg und Betty, im Hintergrund trällert Serge: Gruissan-Plage, 2012.

Wenn beim Aufwachen die Wintersonne über den Ziegeldächern blitzt, dann stelle ich mir manchmal vor, wie ich neben einem Liebhaber aufwache. Er liegt da noch in süßem Schlaf und ich drücke meine Nase ins Betttuch direkt neben ihm. So dicht, dass ich ihn riechen kann und seine Wärme spüre, aber noch weit genug weg, um ihn nicht aufzuwecken. Habe ich mich vollgesogen, schleiche ich mich aus dem Bett, streife seinen Pullover und Socken über und setze mich zum Schreiben so an den Tisch, dass ich ihn und die Sonne im Blick halten kann.

Der Rechner fährt ohne Röhren hoch, weil ich mich um den kaputten Lüfter gekümmert habe, oder ein lieber Freund hat mir geholfen. Die Worte fließen nur so aus mir, im Nu habe ich ein Kapitelchen meines Romans gezimmert, da registriere ich ein Wühlen in den Laken. Der Mann grummelt erst, schimpft dann, weil er seine Kleider nicht finden kann, seine Launen beim Aufstehen kenne ich schon. Zehn Minuten später kommt er zurück aus dem Bad. Er wird mir noch ein schönes Frühstück bereiten, danach werde ich weiterschreiben.

Seit Tagen blitzt die Sonne über den Dächern, schon beim Aufstehen verbreitet sie penetrant Freude über der Stadt. Ich schlage die Augen auf und ich weiß nicht, was ich mit dem neuen Tag anfangen soll. Ich denke an mein leeres Konto, an frühere Freunde, die mich nicht anrufen werden und die auch ich nicht anrufen werde, an meine Ratlosigkeit, wie sich ein Leben lebt, an den Tod. Ich friere und ziehe doppelt Wolle über meinen Körper, koche mir einen Kaffee und nehme vor dem Rechner Platz. Beim Hochfahren röhrt der Lüfter, ich checke Nachrichten, spiele eine Runde, schließlich zwinge ich mich, meinen Text zu öffnen.

Da sitze ich und die Worte kommen nicht. Sie sind mir irgendwann ausgegangen, so wie der ganze Rest. Ich krame in meiner Erinnerung, wie es war, unter Menschen zu sein, einen Streit zu haben oder einen sehnlichen Wunsch, an etwas zu glauben oder zu hassen. Doch alles, was ich finde, sind Platzhalter ohne Kontur.

Ich stehe auf, hülle mich in noch mehr Wolle und gehe raus in die Sonne. Täglich die gleichen Wege raus aus dem Ort, hoch auf die Hügel mit dem Blick bis zu anderen Rheinseite. Die Fasane krächzen, irgendwo knattert ein Traktor, die Weinstöcke warten kahl auf den Austrieb. In dieser einen Stunde gehe ich, sonst nichts, so wie ich früher auch ging.

Kehre ich zurück in mein Zimmer, wartet da nichts außer dem Staub. Vielleicht setze ich mich noch eine Stunde vor mein leeres Blatt. Oder ich blicke hinüber ins Fenster der Nachbarn, in dem sich die rotweiße Katze putzt. Oder ich lese meine alten Geschichten, die mir erzählen, dass ich einmal etwas zu erzählen hatte.

Am Abend fülle ich meine Wärmflasche und vergrabe mich mit einem Buch im Bett. Vielleicht werde ich müde genug um zu schlafen, vielleicht durchwache ich die Nacht. Wenn ich Glück habe, scheint morgen wieder die Sonne.

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7 Gedanken zu „Sous le soleil exactement

  1. Liebe Miss Novice,
    wunderschön erzählt, melancholisch, traurig und tiefisnnig poetisch …vielleicht will gerade genau das, genau so erzählt werden …
    Lass dir von deinen Geschichten erzählen, wie du wieder erzählen wirst …
    Und, wir Wortschwestern sind auf jeden Fall da, zwischen den Zeilen und darüber hinaus, vor dem leeren Blatt und in der Sonne, beim ersten, zweiten und dauch dritten Kaffee, wenn du magst,
    ganz liebe Grüße,
    Mia,
    die sich in einem Kinderbuch vergräbt …

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    • Liebe Mia,
      danke, das ging direkt ins Herz durch den Nebel und den Frost hindurch, gestern Abend schon. Mehr braucht es nicht. Auf dass Worte uns weiterhin durch die Tage und Nächte bringen, einen lieben Gruß, Amy.

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  2. Bonjour Madame Novice
    Was für ein toller Text! Du schreibst in einem bewundernswert eloquenten Fluss. Du nimmst mich mit ins Bild, ich spüre Sehnsucht und Zerrissenheit. Schön ist das dramaturgische Mittel des Laptop-Röhrens mit dem Du den Kontrast zeigst und wie sich unerledigte Dinge stauen, ja, wie man manchmal gelähmt ist, etwas anzupacken.
    Allerdings beweist Du mit Deinem Text vor allem auch eines: Man kann, selbst wenn man eine Schreibblockade hat schreiben. Einfach nicht das, woran man meint, schreiben zu müssen. Schreibt man trotzdem, kommt dabei vielleicht ein unerwartetes und schönes Nebenprodukt heraus, Manchmal sieht man die Nebengleise, die Abzweigungen nicht. Weil man dort auszuharren meint, wo man gerade sitzt.
    Außerdem zeigt die Ich-Erzählerin im Text, dass sie schreiben kann und etwas zu erzählen hat. Berührend und wertvoll. Etwas, das uns alle angeht.
    Herzlich, Urs

    Ach ja: https://www.youtube.com/watch?v=Z0O4F0fZbD0

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    • Lieber Urs,
      auch dir danke ich von Herzen für dein Mitfühlen. Ist ja etwas heikel, sich schreibend so zu zeigen. Doch es hat mir gut getan. Ach, wäre das nur der erste Schritt heraus … immerhin hat es jetzt schon 21,2 Grad in meinem Zimmer:) Vorerst wähle ich die blaue Wolle (12 points!) statt des Sommerkleidchens. Lieben Gruß gen Berlin, Amy

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      • Liebe Amy
        Zu Deiner Antwort gehen mir noch folgende Gedanken durch den Kopf: Du zeigst Dich in dem Text denen, die Dich kennen (zu kennen glauben). Aber jetzt ist er veröffentlicht und das Ich kann Deins sein, aber auch ein anderes. Zum Beispiel jeder/m sein Ich, der/die sich in dem Text ein stückweit wiedererkennt. Wo fängt das Autobiografische an, wo hört es auf? Wo geht es in unser aller Biografien über?
        Kuschle Dich ein in der Wärme Deines Zimmers, herzlich, Urs

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  3. Liebe Amy,
    mit deinen Worten knipst du mein Kopfkino an. So wie du schreibst, ist es eines von diesen kleinen heimeligen Kinos, wo vom Sessel, über den kleinen Beistelltisch, bis zum samtenen Vorhang alles eine Geschichte hat und wo über die Leinwand nur Kleinode und Perlen laufen, ein wenig knisternd, vom Film eben und nicht digital. Dort sitze ich dann im Dunkeln mit einem Glas dunkelrotem Wein und sehe mir deine Geschichte an, tauche in die melancholische Stimmung ein, lasse mich bewegen und treiben… bis ich ich am Ende der aufgehenden Sonne entgegenblinzle und berührenden Worten, die die Chance ergiffen, sich vorzudrängeln, während die erhofften noch eine kleine Weile schweigen…

    lg. mo…

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