Schreiben ohne Netz: Im Künstlercamp

ein Füller liegt auf einer handbeschriebenen HeftseiteOffline ist ja sooo entspannend! Und dann sitzt du auch noch in einer inspirierenden Kulisse, mit anderen Kreativen, die sich gegenseitig beflügeln! Meine Erfahrung ist mal wieder die andere. Mir hat ein Netz gefehlt. Nicht das elektronische, eher das menschliche, der Austausch über meine Arbeit.

Gerade bin ich aus Kalbe an der Milde zurückgekehrt. Dort war ich zwei Wochen lang Stipendiatin des 5. Sommercampus der Künstlerstadt Kalbe e.V. Der Verein will Kultur aufs Land holen und damit die Region beleben.

Kalbe entzückt mich, als ich Ende August über das Gardelegener Tor in die Altstadt einfahre. Fachwerkhäuser, Kopfsteinpflaster, Katzen auf den Straßen, nicht geleckt, viel Leerstand und Verfall. Stadtverwaltung und private Eigentümer haben der Künstlerstadt und uns Stipendiat*innen leerstehende Gebäude zur Zwischennutzung überlassen.

So lange die Sonne scheint, kann ich unseren Arbeits- und Aufenthaltsräumen viel Charme zugestehen. Ich werde die Herrin über das alte Gerichtsgebäude und richte mir ein Schreibstübchen im ersten Stock ein. Alle anderen Künstler*innen wählen Räume im Kulturhof oder neben der Trabibude. Staub, Muff und Bauschutt gibt es überall, Strom nur fast, das Gericht hat keinen. WLAN bleibt auf die Trabi-Werkstatt beschränkt, und das Netz ist instabil.

Auf meinem Schreibtisch liegen ein Stapel Papier cremeweiß, eine dicke Kladde, Stifte, auch bunt, Bücher über autobiografisches und expressives Schreiben, Lyrik, die Notizen für mein Schreibprojekt. Vor dem offenen Fenster sausen die Schwalben im Zickzack, bis Mittag wärmen mich die Sonnenstrahlen. Ich beschreibe mit dem Füller Seite um Seite, kleine Skizzen, Passagen, Gedankenspiele, Wortspiele, ich male Cluster, halte inne für die Reflexion meiner Arbeit – an guten Tagen lege ich abends 15-20 Seiten Rohmaterial in die Mappe. Zwischendurch spaziere ich an der Milde entlang, durch Gassen, über Felder, durch den Park, zum Burggraben oder auf ein Schwätzchen in die Trabibude gegenüber.

Doch so viel ich auch hervorbringe, es kommt nicht wirklich bei mir an. Ich kann es nicht fühlen, erfasse nicht die Bedeutung, hab kein Aha-Erlebnis, geschweige denn die zündende Idee, wie ich all das Material zusammenbringen kann. Mir fehlt das Reden übers Schreiben, über meine Texte. Ich fühle mich fremd unter den Mit-Stipendiat*innen, alle bildende Künstler*innen oder musikalisch unterwegs, viel jünger, gefühlt ohne Zweifel an ihrer Arbeit. Überhaupt reden wir wenig über unsere Arbeiten.

Dann kommt Trauer über mich und es geht gar nichts mehr. Ich fühle mich sprachlos. Ich fühle mich verlassen. Reinszeniere ich die Geschichte, an der ich arbeite?

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Die Ruine der Kalbenser Wasserburg

In die Trauer mischt sich Wut, kurz vor meiner Abreise komme ich damit wieder ins Schreiben. Zum Abschluss des Sommercampus lese ich eine Viertelstunde aus der entstehenden Erzählung. Mehrere Zuhörer*innen kommen später zu mir und geben mir beglückende Rückmeldungen. Endlich weiß ich: ich will weiter schreiben.

Wasser und Bäume

Sonntagmorgen am Burggraben von Kalbe

Wasser, Ruine, Bäume, Gegenlicht

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7 Gedanken zu „Schreiben ohne Netz: Im Künstlercamp

  1. Liebe Amy,

    vielen Dank für diesen ungeschminkten Einblick. Die verlassenen Räumlichkeiten sprechen mich sehr an, diese Geisterstimmung stelle ich mir inspirierend vor – aber ich kann auch gut nachempfinden, dass du dich auf dich selbst geworfen und verlassen gefühlt hast. Deine Texte spiegeln deinen emotionalen Wellenritt bestimmt eindringlich wieder.
    Es freut mich, dass du trotz der Täler gegen Ende deiner Zeit dort gestärkt mit und für das Schreiben heraus gegangen bist.

    Ich freue mich auch schon auf unser nächstes Präsenzwochenende und den lebendigen persönlichen Austausch mit dir und euch allen!

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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  2. Liebe Amy,
    ich habe erst jetzt Deinen neuen Beitrag gesehen. Die Bilder sind sehr stimmungsvoll. Sie verströmen morbiden Charme, lassen aber auch die Einsamkeit und das Erschauern an grauen und kühlen Tagen ahnen. Es wirkt als wäre man da sehr auf sich zurückgeworfen. Ich finde Dein Ausharren in dieser Situation und das Kämpfen um das Schreiben bewundernswert. Du hast Dich durchgebissen und bist sicher um manche Erfahrung und viele Texte reicher zurückgekommen. Ich freue mich auf den realen Austausch in Berlin in nicht mehr ganz zwei Wochen.
    Liebe Grüße
    Anne

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