Mit dem Zufall spielen

Hätte ich Stephan Porombkas Büchlein „Schreiben unter Strom“ vor dem Aufsetzen dieses Blogs gelesen, wäre es ein anderer geworden. Weniger technisch-praktisch, eher experimentell-literarisch. Heute hab ich Lust auf Experimente.

Sicher, das Buch ist schon fünf Jahre alt, die Szene fürs digitale Erzählen hat sich weiterentwickelt. Doch für mich Novizin kein Grund, über die Anregungen Porombkas hinwegzugehen. Einige seiner Schreibaufgaben habe ich schon erledigt, bloggen, Geschichten twittern, facebooken.

Heute hab‘ ich mir das Kapitelchen „Die Kunst des Kombinierens“ vorgenommen. Zuerst lande ich beim Automatengedichtautomaten von Hannes Bajohr. Wer den Automaten mit einem beliebigen Text füttert, bekommt umgehend eine Vorschlag für ein Gedicht aus dessen Wörtern. Verschiedene Einstellungen stehen zur Verfügung, Bajohr erklärt zusätzlich die Spielregeln der Überarbeitung. Ich probiere drei verschiedene Ausgangstexte aus und entscheide mich schließlich für dieses, mein erstes Automatengedicht.

endloses verwunschenes ergiebiges

brünnlein

sei brav

gluckst der pfirsichbaum

deine tat dein dienst

lässt die sorgen der spielleute vergehen

schenke kleines wasser




tiefroter hall der blätter

ungezähmter traum spritzt gischt




brunnen brunnen

staunte




herbst erlaubte

Als nächstes versuche ich mich an einem Flarf-Gedicht nach Anleitung Porombkas: Ich gebe die Stichworte „atmen“ und „Panik“ bei Google ein und wähle aus den ersten 20 Suchergebnissen beliebige Teilsätze aus. Die verarbeite ich dann zu einem Gedicht:

der moment vorm ertrinken

kein zurück, kein aufschub, keine heilung

nie wieder regen, sonne und wind spüren




energie verschwindet nicht, sie wird nur umgewandelt

ich sitze am gedeckten tisch

der gastgeber taucht nicht auf




jesus hat judas nicht vergeben

er hat sein herz gesehen




das verlorene schiff verschwindet am horizont

Mit ein bisschen mehr Zeit im Gepäck können da sicher anspruchsvollere Texte entstehen. Doch auch so bin ich angetan. Denn eigentlich war die Spielerei nur Ablenkung von einem Text, an dem ich nicht weiterkomme. Die Kollegen Zufall und Maschine haben mir einen Impuls für eben jenen Text gegeben.

Porombka leitet aber nicht nur zum experimentellen Schreiben am Computer an, er ordnet es auch theoretisch ein, ohne Diskursfremde zu überfordern. Da werde ich sicher noch öfter reinschauen.

Im Labor läuft jetzt übrigens Say Valley Maker von Smog, nach zwei Begegnungen mit dem Wasser, bury me in water and i will geysir.

10 Gedanken zu „Mit dem Zufall spielen

  1. Liebe Amy, du siehst mich schwer beeindruckt ob der oben veröffentlichten literarischen Produkte — ich wünschte, ich persönlich wäre auch offen dafür; was ist es nur, warum kann ich nur trotzdem nicht von meiner Skepsis dieser digitalen Welt gegenüber lassen?
    Herzlich, Fe.

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  2. Liebe Anne,
    ich habe schallend gelacht, so köstlich fand ich Deine Gedichte.
    Gelacht, weil die Technik jetzt auch noch dichtet, was ganz schön schräg ist. Aber immerhin, für die Tonne ist das nicht. Durchaus doch ganz passabel.
    Viel Spaß noch mit den Kollegen Zufall und Maschine!
    Gabriele

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