Schreiben mit mehr Stil und Plan, Teil 1

In meinem Post über kreative Helferleins angekündigt, jetzt im ausführlichen Test: Schreibprogramme für (Roman-)Autoren. Was vor etwa 20 Jahren als Nischen-Software begann, ist heute ein weites Feld. Darum teile ich den Anwendungsversuch und beginne mit den Schwergewichten Papyrus Autor und Scrivener.

Wie nenne ich diese Art von Programmen bloß? Den Begriff Autorensoftware, das habe ich bei meinen Recherchen gelernt, hat die eLearning-Community schon für sich gepachtet. Textverarbeitung PLUS? Dies verrät zwar die Idee, aber nichts über die Funktionalität der Softwaregruppe. Bleiben wir bei Schreibprogramm, denn die Funktionen und Features sind genau das, was die Programme unterscheidet.

Novizinnen stellen sich bitte eine Textverarbeitung mit Sonderfunktionen vor, die mir helfen, den Überblick über große Schreibprojekte zu bewahren. Werkzeuge zum Organisieren und Planen eines Textes stellt praktisch jedes dieser Programme bereit, beispielsweise Datenbanken für Figuren, Schauplätze, Objekte, dann eine detaillierte Gliederung meines Textes und einen Bereich für die Ideensammlung. Meistens gibt es noch die Möglichkeit, sich die Chronologie der Ereignisse, Handlungsstränge und Spannungskurven graphisch anzeigen zu lassen. Optional mit an Bord sind Tools für die Stil- und Sprachanalyse sowie die Erstellung druckfertiger Manuskripte oder eBooks.

Diagramm mit Kästen und Pfeilen

Am Papyrus-Denkbrett kann ich Strukturen visualisieren.

Papyrus Autor ist wahrscheinlich das wichtigste originär deutsche Produkt. Über 2000 Mitglieder zählt das zugehörige Forum mit aktuellen Einträgen. Zwei Dinge hielten mich bislang vom Ausprobieren der Software ab: Der Preis (derzeit 179 Euro, 149 für Studierende) und der Ruf von Papyrus, mit seinen zahlreichen Funktionen einer langen Einarbeitungszeit zu bedürfen.

Beim Test der Demoversion 8.50 haut mich die Fülle der Features tatsächlich um, doch es gibt es dickes, novizenfreundliches Handbuch auf Deutsch. Auch brauche ich nicht lange, um mich im Programm und seinen Grundfunktionen zurechtzufinden. Ich lege ein Projekt an und beginne eine Geschichte zu schreiben. Als ich merke, dass noch etwas Planung nötig ist, wechsele ich zum Denkbrett und versuche mich an einem Diagramm mit Figuren und Motiven. Dann erstelle ich ein paar Figurenskizzen in der Datenbank. Zurück im Fließtext probiere ich das Klemmbrett aus, eine Art Seitenleiste, in der ich Notizen und ausgeschnittene Textschnipsel unterbringen kann. Alles intuitiv zu bedienen.

Die echten Vorteile gegenüber anderen Programmen zeigt Papyrus Autor beim Überarbeiten, wow! Ein Korrektor von Duden ist installiert genauso wie eine ausgefeilte Lesbarkeits-Einschätzung. Das Sahnehäubchen ist die Stilanalyse. Damit lassen sich unterschiedlichste Sprachschnitzer aufspüren. Klar, der Stil einer Autorin sollte immer persönlich und einzigartig bleiben, doch ich finde die Analyse extrem hilfreich, zumal ich selber einstellen kann, was als Stilschwäche gelten soll.

Stilanalyse

Die Lesbarkeitsanalyse hinterlegt die Absätze farbig (bei Rot wird es kritisch…), die Stilanalyse markiert im Fließtext Wörter gemäß gewählter Einstellungen.

Nach Abschluss meines Tests bin ich von Papyrus Autor angetan, volle Punktzahl! Nicht getestet habe ich die Erstellung eines eBooks.

Was kann mir Scrivener bieten? Auf einem alten Rechner hatte ich einst eine Demoversion installiert, mich aber nicht mit dem Programm beschäftigt. Immerhin muss frau für die Vollversion nicht mal ein Viertel des Kaufpreises von Papyrus hinlegen, rund 40 Euro. Es hat auch eine deutlich größere Nutzer-Community, knapp 25.000 Mitglieder zählt das englischsprachige Scrivener-Forum. Wen die Fremdsprache abschreckt, die Entwickler Literature and Latte von Scrivener sitzen in Cornwall, der kann die deutsche Benutzeroberfläche nutzen.

Doch bereits das Tutorial und das Handbuch gibt es nur auf Englisch, was das Zurechtfinden erschwert, denn nun ist das spezielle Scrivener-Vokabular doppelt zu lernen. Der „Outliner“ wird zum „Gliederungs-Editor“, das „Corkboard“ zur Pinnwand. Bei scrivpost.de, einer – wenig genutzten – deutschen Community-Seite, finde ich das Tutorial auf Deutsch für eine etwas ältere Version, aber brauchbar. Die Rechtschreibe-Prüfung scheint sich nicht der Systemsprache anzupassen, alles rot im deutschen Text. Mir schwant, dass ich dem Wörterbuch jedes deutsche Wort einzeln beibringen müsste – oder die Prüfung in einem anderen Programm durchführen muss.

Tanga

Keckes Merchandising für Scrivener. Hier der Schlüppi für 10.99.

Nach dem ich das Tutorial überflogen und ein paar Menüpunkte angeklickt habe, ist für mich klar, dass Papyrus und Scrivener in unterschiedlichen Ligen spielen. Für Figuren und Schauplätze gibt es in Scrivener zwar separate Fragebögen, ich kann sie aber nicht mit anderen Elementen verknüpfen. Ein paralleles Klemmbrett gibt es nicht, auch kein Denkbrett für die grafische Darstellung von Zusammenhängen. Für Letzteres könnte ich von den Entwicklern die Zusatzsoftware Scapple für rund 15 Euro erwerben.

Scrivener tickt anders. Die Grundidee ist m.E. einen Text in beliebig kleine Abschnitte zu teilen, ich würde sie Sinneinheiten nennen, und daraus allmählich eine Struktur zu entwickeln. Dazu wechselt man zwischen verschiedenen Anzeigemodi hin und her, dem normalen Texteditor, der Pinnwand, die die Sinneinheiten als Synopse darstellen, und dem Gliederungseditor. Umstellen, Teilen, Zusammenführen, einen neuen Schnipsel Anlegen, dabei helfen die zusätzlichen Ansichten. Konzeptionelle Arbeit an den einzelnen Schnipseln lässt sich außerdem am so genannten Inspektor erledigen. Hier kann ich beispielsweise die Synopse formulieren, Schlagwörter vergeben, Verweise und Fußnoten anlegen.

Screenshot Computerprogramm

Screenshot Computerprogramm

Wenn ich vom normalen Texteditor (oben) zur Pinnwand wechsele, erscheint die Zusammenschau der Sinneinheiten.

Neben dem Textbereich gehört zu jedem Projektordner ein Recherchecontainer (für Fotos, Video, Webseiten) und ein Papierkorb fürs schnelle Recyclen bzw. Ablegen vorerst gelöschter Passagen. Natürlich umfasst Scrivener noch viel mehr: einen Drehbuchmodus, eine Notizfunktion, die Möglichkeit Schreibziele zu definieren oder die Ausgabe in einer Vielzahl von Dateiformaten. Doch ich habe mir meine Meinung gebildet: Scrivener steht eindeutig hinter Papyrus Autor in punkto (Deutsch-)Novizenfreundlichkeit und Funktionsumfang zurück.

Entscheidend ist die Frage, was ich denn überhaupt mit einem solchen Programm schreiben will. Ist es ein Roman, würde ich ohne Zögern zu Papyrus raten.  Bei einer wissenschaftlichen Arbeit oder einem Sachbuch kann ich mir auch Scrivener vorstellen. Meine abschließende Empfehlung gebe ich in zwei bis drei Wochen ab, wenn ich weitere Schreibsoftware ausprobiert habe.

7 Gedanken zu „Schreiben mit mehr Stil und Plan, Teil 1

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