Diktat mit Dorsch

Der digitale Dienstag widmet sich heute dem Thema Spracherkennung, also dem digital Schreiben LASSEN. Es treten an: die Spracherkennung von Windows 10, Dragon NaturallySpeaking Home und eine hoffnungsvolle Miss Novice.

Mein Neffe Juli träumt davon Filme zu drehen, gerade hat er ein neues Drehbuch begonnen. An Ideen mangelt es nicht, wohl aber an einer gewissen Schreibfertigkeit, sowohl mit dem Stift als auch auf der Tastatur. So steht Juli gerne mal in meiner Tür und bittet die Tante zum Diktat. Da kommt mir Ulrike Arabellas Vorschlag recht, ihre Spracherkennungssoftware zu testen und zu besprechen. Vielleicht bleibt mir künftig das Schreiben fremder Drehbücher erspart.

Ich installiere also Dragon NaturallySpeaking Home in der Version 12 auf meinem Rechner (die neueste Version ist die 13), stöpsele das Headset ein und will losdiktieren. Doch Dragon empfiehlt mir nach dem kurzen Lernprogramm noch zwei weitere Anpassungen. Im ersten Schritt liest sich Dragon durch von mir verfasste Texte, damit es mein Vokabular und typische Formulierungen besser kennenlernt. Anschließend lese ich etwa fünf Minuten lang einen vorgegebenen Text. Hier will das Programm meine spezifische Aussprache testen und verarbeiten. Jene Verarbeitung dauert gefühlt Stunden.

Knapp eine Stunde nach dem Auspacken der Installations-CD sind wir startklar. Ich diktiere einen Text von rund 250 Wörtern, den ich beim letzten BKS-Seminar von Hand geschrieben habe. Ergebnis: 11 Fehler, z.B. „Lauscher“ statt „Lauscha“, „Flieder duftet“ statt „Fliederduft“, „Weinkälte“ statt „Weinkelche“, eher besondere Vokabeln.

Doch eine Spracherkennungs-Software soll ja mit jeder Anwendung und mit jedem Training besser werden. Also trainieren wir Wörter und meine Aussprache dazu, genau die 11 fehlerhaften Wörter. Als ich den Text erneut vorlese, hat Dragon nur zwei Wörter gelernt, neun Vokabeln schreibt es genauso falsch wie vorher. Wir machen ein weiteres Training, diesmal gebe ich der Software den kompletten, korrekt geschriebenen Text zum Üben. Das dritte Diktat begeistert, nur noch ein kleiner Fehler.

Ich wechsle die Anwendung, schließlich ist die Bezahlsoftware nur geborgt. Auf meinem vier Wochen alten Notebook ist Windows 10 samt eigener Spracherkennung installiert. Nach einem kurzen Mikrofon-Test lese ich wieder meinen Text. Beim ersten Diktat 28 Fehler. Auch die Windows-Spracherkennung lässt sich trainieren. Ich tippe die fehlerhaften Wörter und Wendungen korrekt ein und ergänze sie via Mikro um meine persönliche Aussprache.

Screenshot von Text und farblich unterschiedlichen Markierungen

Beim zweiten Diktat sind es noch 20 Fehler, davon 10 bei bereits geübten Vokabeln. 10 neue Fehler sind hinzugekommen. Nach einer weiteren Trainingsrunde lande ich bei 15 Fehlern insgesamt. Es sind immer die gleichen Wörter, bei denen es hakt und die die Spracherkennung nicht merken will. Gut, als Moselfränkin bin ich nicht gerade mit der saubersten Aussprache gesegnet worden und hab‘ es auch nie geschafft, diese dauerhaft zu verbessern. Doch wenn ich dem Computer zehnmal meine Aussprache von „durch“ einbläue, will ich nach dem elften Diktat nicht immer noch „Dorsch“ lesen.

Das kann ich nur manuell korrigieren. Oder eben mit Sprachbefehlen. Diese Möglichkeit bieten beide getesteten Programme. Doch da wird es richtig umständlich. Für Dragon und Windows muss ich unterschiedliche Befehle zum Navigieren, Markieren, Korrigieren lernen. Besonders Windows macht nicht das, was es soll. Statt korrekte Sprachbefehle wie „korrigiere Dorsch“ auszuführen, schreibt es mir ständig „korrigiere Dorsch“ in den Text. Mein häufigster Befehl wird „das hier löschen“. Nach 15 Minuten ist es mir immer noch nicht gelungen, den kurzen Text via Spracheingabe vollständig zu korrigieren. Mit der Hand brauche ich keine zwei Minuten.

Mein Resümee:

  1. Insbesondere für lange Texte kann sich eine Spracherkennungs-Software lohnen, falls man eine Schreibschwäche hat. Für motorisch eingeschränkte Menschen sind solche Programme bestimmt ein Riesengewinn. Gerade die spezielle Dragon-Software liefert nach kurzer Trainingszeit ordentliche Ergebnisse.
  2. Korrekturen nimmt man weiterhin am schnellsten händisch vor.
  3. Nach dem Diktat habe ich noch mit beiden Programmen jeweils einen komplett neuen Text anhand einiger Stichworte entworfen. Fehlermäßig entsprachen die Ergebnisse dem Diktat. Aber es fühlte sich unorganisch an, die Worte wollten kaum fließen. Mir schien, als gehörten zur Textproduktion neben meinem Kopf die Hände unbedingt mit dazu. Als wäre es nicht schreiben, wenn ich nicht selber schreibe.

4. Ich übe weiterhin fleißig das Tastschreiben mit Tipp10.

14 Gedanken zu „Diktat mit Dorsch

  1. Liebe Miss Novice,

    das Thema Spracherkennungsprogramme geistert bei uns auch durch die Medizin , insbesondere bei den Kollegen, die ellenlange Gutachten diktieren und danach schreiben lassen müssen. Ich musste sehr lachen, dass aus durch Dorsch wird – so mutiert bestimmt die Kirche auch zur Kirche oder die Archäologie zur Arschälogie. Wie gut, dass meine Hände noch so gut funktionieren, dass ich selber schreiben kann.

    Wie immer , ganz herzlichen Dank fürs Testen , dieser Blog bietet so viel für eine PC – Ahnungslose wie mich.

    Liebe Grüße

    Hedda

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  2. In meinem Workshop hat heute jemand nach Diktatsoftware gefragt – da hab ich kurzerhand diesen Blogeintrag an die Wand geworfen und musste die Frage somit gar nicht selbst beantworten. 😮

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  3. Ich habe vor langer Zeit einmal auch versucht, Texte über eine Spracherkennung von Windows aufs digitale Papier zu bringen. Was mich damals sehr störte, war, dass das Programm zu lange brauchte, um die Worte zu verarbeiten und abzutippen. Gedanklich war ich schon viel weiter, als das, was ich auf dem Bildschirm sah. Wie schnell ist die Spracherkennung heute?

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    • Der Text taucht immer noch zeitverzögert auf dem Bildschirm auf, ich schätze 2-5 Sekunden. Mich hat das nicht gestört, da ich eher von der langsameren Truppe bin. Außerdem lenkte mich die Kontrolle der Rechtschreibung vom Formulieren ab, daher habe ich lieber erst ein paar Sätze oder Absätze diktiert, bevor ich das Geschriebene durchdacht hab.

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  4. Liebe Amy,

    als Kommentarnovizin bei Dir erstmal auch von mir ganz herzlichen Dank für die vielfältigen Tipps und Tricks, die Du hier bietest! Und offenbar wird Dein Blog bereits als Kursmaterial herangezogen, das ist ja genial!

    Bei mir haben Deine Spracherkennungsexperimente Erinnerungen an meinen Vater geweckt, der als Rechtsanwalt regelmässig sonntags zu Hause arbeitete und dabei die Rechtsschriften in sein Diktiergerät sprach, so dass sie später niedergeschrieben werden konnten. Ich selber kann mir gar nicht vorstellen, einen längeren und komplexeren Text einfach zu sprechen, in druckreifer Form. Dazu hat wohl auch die Digitalisierung beigetragen, zumindest bei mir, die in beruflichen Texten sehr häufig ausschneidet, verschiebt, löscht, ergänzt, umformuliert… Eine solche Sprechleistung finde ich deshalb bewundernswert. Was die – zumindest früher – typische Aufgabe von SekretärInnen anbelangt, diktierte Texte abzutippen, so gehe ich davon aus, dass dies die meisten nicht mit grossem Enthusiasmus taten. Vielleicht können solche Programme auch dazu führen, dass das Pflichtenheft von administrativen Fachkräften mit stärker inhaltlichen Aufgaben angereichert wird? Und wie Du schreibst, sind diese Programme für Menschen mit Beeinträchtigungen (wohl auch sehbehinderte Menschen) ein grossartiges Hilfsmittel.

    Herzliche Grüsse

    Eliane

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  5. Liebe Amy,
    danke, ein wirklich wertvoller und amüsanter Einblick.
    Als meine Mutter mich vor 30 Jahren in einen Schreibmaschinen(!)kurs geschickt hat und ich das 10-Finger-Tipp-System als 12.-Klässlerin unter lauter Sekretärinnen (oder weiß der Geier was das für welche waren) lernen musste, habe ich schrecklich gelitten. Heute bin ich froh, weil ich viel schneller schreibe, als ich denken kann. Ich habe es vor Jahren mal mit einem Diktiergerät versucht, doch es geht doch nichts über meine 10 Finger-Schnell-Tipperei.
    Aber ohne Frage: der Dorsch ist natürlich wirklich SEHR geil 🙂
    Deine Fe.

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