Weg mit dem Schmierpapier

Notizen auf kariertem Papier, zwei Notizbücher, Stifte

Während ich privat und im Büro immer noch mit Notizblock, Kladde und Zettelkasten hantiere, perfektionieren Softwareentwickler schon längst die zahlreichen Apps zum Erfassen und Organisieren digitaler Notizen. Würde ich mir mit so was das Leben erleichtern? Und welche Anwendung sollte ich wählen? Vier Produkte habe ich ausprobiert.

Schon bei der ersten Recherche schwant mir, dass mein Thema gar nicht so überschaubar ist, wie ich gehofft habe. Die englischsprachige Wikipedia listet gleich 42 verschiedene Notiz-Programme in ihrem Vergleich. Nach ein paar Überblicksartikeln wird aber klar, wer hier den Standard setzt: Evernote und Microsofts OneNote tauchen in praktisch allen Vergleichen auf.

Die Idee hinter beiden scheint mir gleich: Notizen erstellen, in mehr oder weniger strukturierten Notizbüchern organisieren und dank der Suchfunktion findet sich alles wieder. Diese Notizen können verschiedene Formate haben: eigene Texte, Webseiten, Grafiken, Audio, Video. Beide Programme unterstützen die Texterkennung in gescannten/fotografierten handschriftlichen Notizen, die bei meinem Test erfreulich gute Ergebnisse brachte.

Die Unterschiede liegen im Detail. Evernote bietet neben der Volltextsuche Schlagworte an, um passende Notizen später wiederzufinden. OneNote wirkt aufgeräumter, die Notizbücher lassen sich hier weiter untergliedern. Wer Microsoft Office nutzt, findet sich im Menü schnell zurecht, es fallen auch keine weiteren Lizenzkosten an, da OneNote Teil des Pakets ist. Beide Apps sind in der Basisversion kostenlos, Evernote-Premiumnutzer zahlen 60 Euro im Jahr. Dafür können sie u.a. bedeutend mehr Daten hochladen, PDFs durchsuchen und können die App auf unbegrenzt vielen Geräten nutzen. In der Basisversion kann Evernote nur auf zwei Geräten installiert werden.

Screenshot Evernote

Mit einem Plug-In lassen sich Webseiten in verschiedener Form ganz einfach in Evernote ablegen. Das Ergebnis war nicht immer befriedigend.

Denn das ist ja eigentlich der Clou an der Sache: Meine Notizen werden in der Cloud gespeichert, ich kann sie von überall einsehen, bearbeiten und ergänzen. Das Programm synchronisiert die Daten im Hintergrund. Was ich unterwegs in mein Smartphone tippe oder am Tablet clippe, finde ich zuhause am Desktoprechner wieder. Da geht kein Zettel verloren. Und ich kann meine Notizen problemlos mit anderen teilen, ohne Dateianhänge verschicken zu müssen.

Die meisten Notiz-Programme funktionieren nach diesem Prinzip und sind für das mobile, kollaborative Arbeiten konzipiert. Für meinen Test schaue ich auch noch bei Dropbox Paper und Google Keep vorbei.

Beide Anwendungen fokussieren stärker die Konzeption und Umsetzung von Projekten. Dropbox Paper durchschaue ich noch nicht. Wie hängt meine Desktop- mit der Webversion zusammen? Warum erscheinen meine Paper-Notizen nicht als Dokument in meinem Dropbox-Ordner? Dennoch finde ich die App sehr anregend, strukturiert und fordernd irgendwie. Ähnlich erfahre ich Google Keep. Das werde ich jedenfalls auf meinem Smartphone installieren und weiter testen.

Mein Fazit dieses 1-Wochen-Test: Für welche App frau sich entscheidet, hängt vor allem von bereits genutzten Programmen und Diensten ab. Wer MS-Office nutzt, ist mit OneNote nicht schlecht bedient. Wer ein Google-Account hat (wer nicht?), kann Keep Dropbox Paper und Evernote vorziehen. Der Verwendungszweck (Gedankensplitter festhalten und sortieren, Vorträge mitschreiben, Recherche, Konzeption, To-Do-Listen erstellen, …) kann ein zweites Auswahlkriterium sein.

Screenshot OneNote

OneNote vermittelt das Microsoft-Office-Gefühl.

Was ich jetzt gar nicht ausprobiert habe, einfach weil ich kein Tablet besitze, ist das handschriftliche Schreiben mit einem Digitalstift auf dem Tablet, sozusagen die Mischung aus alter Liebe und fortschreitender Technik. Obwohl ich dazu einige Rezensionen im Web gelesen habe, bin ich sehr an den Erfahrungen meiner LeserInnen interessiert.

Zum Schluss die rein philosophische Betrachtung. Braucht frau eine Notiz-App? Geht es hier wirklich darum, unser Leben und Arbeiten einfacher zu gestalten oder suggerieren uns die IT-Riesen nur ein Bedürfnis, das in der Schattenseite einen Verlust, zum Beispiel an Kreativität oder Hirnleistung, mit sich bringt?

Papier fördert meine Kreativität, das unterschreibe ich. Ich schreibe, male, skizziere, sortiere Blätter, klebe kleine Haftnotizen dran. Ich habe das Gefühl, dass etwas aus mir heraus entsteht und nicht aus dem WWW, dessen Ablenkungen mir eh nicht guttun. Für das Mitschreiben von Vorlesungen scheint sich meine Hypothese zu bewahrheiten: So schnitten Studenten, die in den USA mit ihrem Laptop eine Vorlesung mitschrieben, durchweg schlechter in der Prüfung ab als die Handschreiber. Eine ähnliche Studie in Princeton fand heraus, dass handschriftliche Notizen die Verarbeitung von Information fördern.

Aus Gründen des Ressourcenschutzes bin ich bereit, meinen Verbrauch an Schmierpapier zu überdenken und Google Keep und OneNote auszuprobieren. In der Zwischenzeit genieße ich es, nach getaner Arbeit meine Zettelwirtschaft zu sortieren in aufbewahrenswürdig und Ballast. Es ist wie eine Belohnung, das Papier auch physisch hinter mir zu lassen und im Papierkorb zu versenken. Haken dran.

Ein gut gefüllter Papierkorb

11 Gedanken zu „Weg mit dem Schmierpapier

  1. Liebe Amy,
    bisher türmen sich neben mir auch kleine Bücher und Heftchen auf, in die etwas hereinschreibe, von dem ich manchmal nach Wochen nicht mehr weiß, wo ich es hineingeschrieben habe. Meine Gedichte schreibe ich gerne auf meinem Handy, bin aber neulich mit dem Handy in einen See geplumpst – fort waren sie, denn das Kapitel Daten synchronisieren hatte ich einfach geschmeidig übersprungen, da ich sie auf dem Handy sicher wähnte.

    Wahrscheinlich wird der Mix aus beidem gut sein, mit evernote will ich mich vertraut machen, wenn ich viel Zeit habe. Hoffentlich bald !

    Vielen dank für deinen sehr informativen Überblick und liebe Grüße

    Hedda

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